Liederlexikon: Kommersieren
Begriffe | 1926Ein Institut wie der Kommers mußte im Laufe der Zeiten seine Feinde finden, das ist klar. Dazu ist die Sache zu gut. Soweit sich diese Feindschaft gegen rohe Trinksitten richtet, ist sie mir recht. Es alteriert mich, wenn ein Kneipant keinen Bierjungen trinken kann, ohne daß es ihm zu beiden Seiten wieder zum Maul herauslauft; denn erstens ist »Bluten« nach dem Comment strafbar, also unsittlich, zweitens ist es für ein Herz, das die Gaben der Natur mit dankbarer Liebe verehrt, eine betrübende Stoffvergeudung, und drittens sieht es scheußlich aus. Wer einen mäßigen Bierjungen noch nicht mit lässiger Eleganz bewältigen kann, der soll zu Hause, wo ihn niemand sieht, täglich einige Stunden daran wenden und es üben. Die kleine Mühe lohnt sich immer.
Anders steht es mit einer anderen Art von Feindschaft. Um von ihr sprechen zu können, muß ich meinen Lesern leider eine gewisse Sorte von Menschen ins Gedächtnis zurückrufen. Ich habe einen Freund – d. h. er versteift sich merkwürdigerweise darauf, daß ich ihn so nenne – wenn ich zu dem sage: »Kerl! Mordbube, du hast ja die ›Maine‹ in die Lust gesprengt!« so verneint er mit tiefem Erstaunen und beginnt, mir ausführlich sein Alibi nachzuweisen. Wenn es draußen gleichzeitig stürmt, hagelt, regnet und schneit, so daß sämtliche Regenschirme sich mit emporgeworfenen Armen gegen ihre Bestimmung sträuben und die Luft von aufgewehten Damenhüten erfüllt ist, und ich dann zu ihm sage: »Prachtvolles Wetter, was?« so erklärt er mit erfrischender Energie, daß er das Wetter durchaus nicht schön finde, im Gegenteil: schlecht. Der Mann ist nicht etwa in gewöhnlichem Sinne dumm; er hat vieles gelernt und ist in seinem Berufe tüchtig; seine Dummheit ist eben eine ganz außergewöhnliche.
Soweit ich ihn bis jetzt vorgeführt habe, ist er ja auch, in ganz kleinen Dosen genommen, ganz amusant. Aber wenn man im »Sommernachtstraum« neben ihm sitzt und die Handwerker mit dem kindlich-souveränen, großäugigen Shakespearehumor ihr Schauspiel aufführen, so stößt er mit dumpfem Ingrimm das Wort »Blech!« von sich. Wenn man ihm ein Grimmsches Märchen vorliest und er hört von der Madame Pabst, die eine goldene Krone aufhatte, »die war drei Ellen hoch«, so stöhnt er aus gekränktem Herzen das Wort »Unsinn«, und wenn ich mich mit einem anderen Freunde, einem ganz anderen, an einem köstlichen Büchlein ergötze, das lauter Verse à la Friederike Kempner enthält und die Erhabenheit des Blödsinns mit tausend Zungen predigt, wenn wir thränenden Blickes schwelgen im deliziösesten Nonsens, so vermag er »einfach nicht zu begreifen«, wie man am Lesen solcher schlechten Gedichte Gefallen finden könne. Die schöne Zeit solle man lieber darauf verwenden, Goethe und andere, wirkliche Dichter zu lesen &c. &c.
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